... du brauchst meine Liebe nicht. Oh, gib mir mein Herz zurück, bevor es auseinander bricht. 

So oder so ähnlich lautet ein Teil des Refrains aus dem Song „Flugzeuge im Bauch“ ursprünglich von Herbert Grönemeyer, gecovert von Oli P. Wen oder was sie damit besangen, weiß ich heute nicht mehr, nur eins: Der Struggle war real. Wieso ich bei Bulgarien ausgerechnet daran denke, hat vor allem zwei Gründe.

Bulgarien, noch keine Bulgarin, ist dabei mir mein Herz zu stehlen. Auf keiner meiner Bucketlisten jemals auftauchend und absolut zufällig hier landend, bin ich nach meiner ersten Ausfahrt außerhalb von Sofia beeindruckt vom Land, den Menschen und den vielen verschiedenen Landschaften.

Zum zweiten läuft in meinem Mietwagen nur Radio. Ich höre also, wie in guten alten Zeiten, Radiosender wie Energy, die hier in Bulgarien überwiegend Lieder meiner Jugend spielen. Von Avril Lavigne bis DJ Bobo ist quasi alles dabei. Das Programm ist genauso konsequent durcheinander, wie meine Spotify-Playlist TOP 2.0. Sie war aufgrund von Song-Wildwuchs auf meine erste Playlist TOP gefolgt, umfasst mittlerweile aber auch mehr als 1.000 Songs aus den verschiedensten Genres. Während ich das schreibe, denke ich darüber nach sie mal wieder zu relaunchen, Namensvorschläge sind mehr als Willkommen. Ich überlege etwas Verrücktes zu machen. Vielleicht nenne ich sie einfach TOP 4.0…

Aber eins nach dem anderen. Wer meinen Blog etwas verfolgt, weiß dass ich versuche in den meisten Ländern länger zu bleiben, um möglichst viel von Land und Leuten über meinen Standort hinaus kennenzulernen. Da ich unter der Woche arbeite, bleiben mir dafür meist nur die Wochenenden. Und die versuche ich hier in Bulgarien gut zu nutzen. Sofia gefällt mir grundsätzlich gut, auch wenn der Stadtteil „Studentski Grad“ relativ wenig mit der Sofia Altstadt gemein hat. Meine Unterkunft ist ein ehemaliges Hotel, das zu einem Hybridmodell umgebaut wurde. Es leben hier also Hotelgäste Tür an Tür mit digitalen Nomaden, die zum arbeiten in die Coworking-Fläche gehen. Neben einem Hotelrestaurant gibt es voll ausgestattete Küchen, Waschräume und ein Fitness-Studio. Freitag habe ich durch Zufall herausgefunden, dass dieses Hotel aber nur die Spitze des Eisbergs darstellt. Das eigentliche Geschäft dahinter ist eine Company, die IT-Experten rekrutiert, in Bulgarien anstellt und „schlüsselfertige“ KI-Lösungen für produzierende Unternehmen verkauft. Das Hotel dient dabei als Base, Büro und Unterkunft für Mitarbeiter, die überwiegend aus digitalen Nomaden rekrutiert werden. Dazu gegebenenfalls zu einem späteren Zeitpunkt mehr.

Was mich hier in Sofia verunsichert, sind die Interaktionen mit den Menschen in Restaurants, hier im Hotel und wo immer ich ihnen begegne. Jeder Anflug von Freundlichkeit scheint die Stadt-Bulgaren zu verunsichern. Ich hatte zu Beginn leichte Marokko-Flashbacks, mit dem Unterschied dass hier alle sehr gut englisch sprechen. Eine Unterhaltung wäre also theoretisch im Gegensatz zu Marokko problemlos möglich. Während ich mein erstes Wochenende noch dazu genutzt hatte, um den wunderschönen Altstadt-Kern Sofias zu erkunden (etwa eine halbe Stunde von mir mit den öffentlichen Verkehrsmitteln entfernt), wollte ich also die anderen Wochenenden nutzen, um Bulgarien außerhalb der Stadt kennenzulernen. Ich gebe also alle Vorschläge, die meine bulgarische Kundin mir via Teams geschickt hatte, in Claude ein und lasse mir Wochenenden planen.

Es ist Samstag früh um 8. Ich bestellte mir ein Taxi zum Flughafen, um meinen Mietwagen abzuholen. Mich erwartet ein „Kia Picanto oder ähnlich“. Als wäre es Schicksals Fügung ist der Taxifahrer der vermutlich freundlichste Bulgare, dem ich seit zwei Wochen hier begegnet bin. Ab hier soll es auf einer Freundlichkeitsskala von 1-10 auch nur noch bergauf gehen.

Am Europcar-Schalter angekommen, begrüßt mich der nächste nette Bulgare und fragt mich wie es mir geht. Nun bin ich plötzlich unsicher, wieso er so freundlich ist. Ich beantworte es mit „sehr gut und selbst“? Und wir starten einen netten kurzen Smalltalk, ehe er mir meine Unterlagen und den Schlüssel für den Mietwagen übergibt. Ich bekomme einen Kia Rio. Was im ersten Moment nach brasilianischer Lebensfreude klingt, entpuppt sich schnell als ein solides 5-Gang-Getriebe, das schon so einige Expeditionen auf dem Buckel hat. Der Rückwärtsgang zickt etwas rum, aber mit Zicken kenne ich mich ja aus, denke ich. Immerhin ist der Wagen knallrot und hat damit eine sehr lebensbejahende Farbe, was ihm vielleicht ein Stück weit Rio-Vibes verleiht. Zugegebenermaßen wäre ein Kia Piccanto auch nicht unbedingt „pikant“ gewesen. Eventuell sollte Kia ihre Modellnamen noch mal überdenken.

Ich verlasse das Flughafen-Parkhaus und fahre los. Während ich mich bereits im Außenbezirk wähnte, stelle ich beim Herausfahren aus der Stadt fest, was es wirklich bedeutet, im Randgebiet der Stadt zu wohnen. Die Häuser werden kleiner, es liegt mehr Müll in der Gegend herum und die Menschen sehen irgendwie mehr vom Leben gezeichnet aus, als noch in meinem bisherigen Bild von Sofia. Grundsätzlich ist mir hier und auch in Bukarest bereits aufgefallen, dass vor allem die Frauen alle einen ähnlichen Schönheits-Begriff haben. Nicht umsonst gibt es vermutlich zahlreiche Schönheits-Kliniken und Studios, die sich anbieten hier und da mit Rat und vor allem Tat zur Seite zu stehen, sollte jemand von der Norm abweichen.

Nach ca. 45 Minuten und zahlreichen unterschiedlichen Tempo-Schildern verlasse ich die Stadt. Das sollte mir später noch auffallen, die Bulgaren lieben scheinbar Geschwindigkeitsregulierung in beide Richtungen. Und so fährt man 50, 40, 60, 30, 70, 140, 110, 120, 90. Sogar meine Google-Maps-Geschwindigkeitsanzeige ist verwirrt. Sie zeigt meistens einfach 90 km/h, auch wenn die Verkehrsschilder etwas anderes sagen. Und so entscheide ich mich irgendwo in der Mitte zu fahren und auf das Beste zu hoffen. Einmal aus der Stadt raus, fahre ich größtenteils auf der Autobahn. Links und rechts Hügel, auf denen grüne Wälder stehen. Ich frage mich, wie das möglich ist – schließlich hat es hier doch, seit ich vor 2 Wochen angekommen bin, nicht mehr geregnet. Im Gegenteil, das Thermometer zeigt durchschnittlich 30° und die Sonne knallt wie es nur geht. Wenige Kilometer später entdecke ich immer häufiger Hinweisschilder, die auf eine reduzierte Geschwindigkeit bei Eis und Nässe hinweisen. Es scheint also Niederschlag zu geben, denke ich, während ich weiter aufs Gas drücke. Schließlich ist hier alles staubtrocken. Das Radio fängt immer wieder an zu rauschen und zu krisseln. Dass man, sobald man in einen Tunnel einfährt gar keine Musik mehr hört, versetzt mich zurück in alte Zeiten. Ich skippe immer wieder durch die verfügbaren Sender und komme so in den Genuss verschiedener Musikeinflüsse.

Nach einem abenteuerlichen Google-Maps-Pfad, der mich auf eine dieser Fahrbahnen geschickt hatte, die dafür konzipiert sind, dass dir besser niemand entgegen kommt, beginnt für mich der Anstieg zum Rila-Kloster. Es ist das älteste und bedeutendste Kloster Bulgariens, gebaut im 10. Jahrhundert auf etwa 1200 Metern Höhe und mittlerweile UNESCO-Weltkulturerbe. Spätestens hier kommt mein Rio phasenweise an seine Grenzen, was ich versuche mit meiner Gott gegebenen Ruhe hinzunehmen – schließlich gehts für mich ja auch ins Kloster. Mittlerweile gibt mir der Anstieg irgendwie Madeira-Vibes. Nicht nur weil ich, wie mit dem untermotorisierten Haus-Fiat-Panda des Colivings dort, die Serpentinen hoch schleiche, sondern auch von der dicht bewaldeten grünen Vegetation an den felsigen Hängen.

Ich erreiche das Kloster, das sich hinter dicken Mauern verbirgt. Die besten Parkplätze sind bereits vergeben. Ich habe „Glück“ auf einem stark abschüssigen Parkplatz unterzukommen, dessen Pflaster-Felsbrocken vermutlich mit Errichtung des Klosters von Hand geschlagen wurden. Ich bin bereits beim Runterfahren auf das Wiederrausfahren gespannt, vertage Gedanken daran aber auf später. Wenige Minuten später stehe ich im Vorhof des Klosters. Die Stimmung switcht plötzlich komplett. Von viel Trubel, Souvenirgeschäften, Restaurants, Reisebussen die ihre Schäfchen rauslassen vor dem Kloster hin zu einer bedächtigen Stille. Nicht, dass im Innenhof weniger Menschen wären, aber es scheint, als sei jeder genauso sehr beeindruckt von dem Anblick im Inneren wie ich. Ich mache Fotos, wo ich darf. Im Inneren des Klosters ist das Fotografieren, wie in so vielen Kirchen hier, strengstens verboten. Einige persönliche Eindrücke, lassen sich aber oft eh nicht in Bildern einfangen. 2,5 Stunden, eine kleine Wanderung sowie ein Nichtbedienen im Restaurant später, setze ich mich wieder in Bewegung. Schließlich hat Claude meinen Reiseplan relativ eng getaktet.

Für mich geht es weiter nach Melnik. Eine kleine Gebirgsstadt in einem der größten Weinanbaugebiete Bulgariens, das stelle ich allerdings erst bei meiner Ankunft fest. Fühlte ich mich vor kurzem noch auf Madeira, gibt mir der Weg nach Melnik plötzlich eigenartige Toskana-Vibes. Relativ niedrige Bäume, weit und breit Weinfelder und auch die Häuser haben irgendwie etwas mediterranes. In Melnik angekommen staune ich über die sehr eigene Architektur, weswegen Claude mich überhaupt erst hierher geschickt hatte. Um noch großartig etwas zu unternehmen, ist es mittlerweile zu spät. Ich entscheide mich etwas zu essen, traditionelle Balkanküche würde ich sagen: Viel Gegrilltes, Aubergine, Tomate, Fetakäse und Knoblauch. Das sind grob zusammengefasst die Grundzutaten hier und was soll ich sagen: ich lieb’s. Nachdem ich nun weiß, dass ich in einem Weinanbaugebiet gelandet bin, bestelle ich ein Glas zum Essen. Ich trinke keinen Rotwein, lasse mir aber erst mal nichts anmerken. Ich nehme das Glas zwischen zwei Finger, schwenke es ein paar Mal wie ein Wilder, rieche dran und trinke. Das Bouquet erinnert mich an Rotwein. Der Geschmack auch. Mag ich nicht, denke ich und bestelle mir als nächstes ein großes Bier vom Fass. Der Kellner ist sehr nett, schnell und zuvorkommend.

Am nächsten Morgen ermittle ich beim Frühstück meinen Plan für den Tag. Ähnlich wie bei meinem Trip nach Ouarzazate hatte ich mich im Vorfeld nicht großartig mit meiner Zielplanung beschäftigt und es stattdessen in Claudes Hände gelegt. Ich stelle fest, dass mein nächstes Ziel Bansko etwa 2 Stunden mit dem Auto von Melnik entfernt ist. Von dort sind es noch zwei Stunden bis nach Sofia, wo ich am Abend mein Auto wieder abgeben muss. Es ist 10:00 Uhr. Ich entscheide mich einen ausgedehnten Spaziergang durch Melnik zu machen und dafür das naheliegende Kloster, eine ausgedehnte Wanderung durch die Sandpyramiden und den Besuch des ältesten Museums-Hauses mit großem Weinkeller zu skippen. Will ich noch etwas von Bansko sehen, bleibt mir ansonsten einfach nicht genügend Zeit.

Ich bin wieder on the road. Vor Abfahrt habe ich versucht, mein Handy via Bluetooth mit dem Radio zu koppeln. Alles ist auf Bulgarisch und einmal im Menü angelangt, drück ich alle Knöpfe, die ich sehe. Es passiert nichts. Statt zu recherchieren, stelle ich wieder um auf Radio. Damit hatte ich doch eigentlich gute Erfahrungen gemacht. Es dauert nicht lange, ehe ich im Stop and Go lande. Energy sendet hier nicht. Zufällig lande ich auf dem Sender „VALENTINA“. Die Musik lässt sich am besten mit electronic Balkan-Pop beschreiben. Balkan-Pop? Wer mein Corona-Tagebuch damals bei Facebook verfolgt hat, erinnert sich vielleicht an meine ehemalige Balkan-Pop-Nachbarin. Mir kommt die Musik daher irgendwie vertraut vor und ich fange an mich unrhythmisch dazu zu bewegen. Klatsche in die Hände, als sei ich auf einer ausgedehnten Balkan-Hochzeit. Im Gegenverkehr sehe ich ein Polizeiauto. Hände ans Lenkrad, denke ich und beschränke mich auf unrhythmische Bewegungen.

Ich bin kurz vor Bansko. Es wird immer bergiger und hatte ich den Rio auf meinem Weg zum Rila-Kloster bereits in Frage gestellt, merke ich jetzt was wirklich bergig bedeutet. An mir vorbei sausen ungeduldige Bulgaren, die weder Steigung noch Geschwindigkeitslimits zu kennen scheinen. Mir war auf der Autobahn schon aufgefallen, dass einige sehr ungeduldig sind und im Zweifel einfach ganz rechts überholen, um dann wieder nach ganz links rüber zu ziehen. Das Gebiet entpuppt sich als eine große Skiregion und ich bin froh, dass ich nicht im Winter hier aufschlage. Schneeketten habe ich jedenfalls nicht an Bord und auch mein Outfit schreit nicht nach Skigebiet.

In Bansko angekommen steige ich aus dem Auto aus. Mir bläst der Wind um die Ohren, als würde ich auf einem Gipfel stehen. Dabei bin ich bloß auf 1.000 Metern, also sogar noch unterhalb des Rila-Klosters, wo nicht mal ein laues Lüftchen herrschte. Ich laufe ins Stadtzentrum. Je weiter ich in den Stadtkern vordringe, links und rechts in die kleinen Gassen abbiege und mich umschaue, stelle ich fest, wie schön es hier einfach ist. Auch hier sind alle Menschen so freundlich und zuvorkommend, dass ich mittlerweile überzeugt bin dass es sich bei Sofia um eine Anomalie handeln muss.

Hätte ich doch nur mehr Zeit. 

Es reicht für einen ausgedehnten Spaziergang, einen unerwartet guten Mittagssnack, 2 Cappuccinos und ein Familienstück Napoleon-Torte, ehe ich langsam wieder zurück zum Auto muss. Während ich so zurückschlendere, resümiere ich für mich, wie schön Bulgarien eigentlich ist. Ich habe mich in das Land verliebt, wohlwissend, dass es noch viel zu sehen gibt. Sollte ich mich jemals wieder richtig in eine andere Person verlieben, würde ich es mir vermutlich genau so wünschen.

Ich würde von ihr weder etwas wissen, noch erwarten und doch würde es sich anfühlen, als hätte ich alles gefunden...