Pläne ändern sich, sagt man gern gemeinläufig. Kann ich bestätigen. Statt wie geplant ungeplant nach dem Baltikum Richtung Slowenien weiterzureisen, melde ich mich aus Sofia. Über ein verlängertes Wochenende in Bukarest bin ich weitergezogen nach Sofia, wo ich den September verbringen werde. Wieso es mich ausgerechnet dorthin verschlagen hat, kann ich gar nicht so genau sagen. Ich habe mich indirekt von einer Kundin beraten lassen, die hier in Sofia wohnt und arbeitet. Irgendwie klang es spannend und ich freue mich nun, eines der ältesten Länder Europas zu erkunden.
Etappe 1: Toll in Tallinn
Nun, wo ein neues Kapitel meiner Reise aufgeschlagen ist, ist es höchste Zeit für ein Update zu meinen 1,5 Monaten im Baltikum. Um hier gleich eines vorwegzunehmen: Dass wir alle drei Länder immer zu einem großen Gebiet, dem Baltikum, zusammen fassen, wird weder den Menschen noch den einzelnen Ländern gerecht. Sicherlich haben Estland, Lettland und Litauen auch Gemeinsamkeiten, aber sie sind mindestens ebenso unterschiedlich. Daher wird der Begriff BalTRIkum dem Ganzen meines Erachtens am ehesten gerecht, wenn man schon alle drei in einen Topf werfen will.
Beginnen sollte meine Reise in Estland. In Tallinn, um genau zu sein. Diese Stadt ist ein wilder Mix aus Lübecker Altstadt, schwedischen Holzfassaden und sowjetischem Betonprotz, wie auf Seite 13 im Lehrbuch steht. Mein Airbnb liegt in Kalamaja, einem ehemaligen Problem-Bezirk, der sich zum Hipster-Stadtteil gemausert hat. Von hier ist gefühlt alles Interessante 20 Minuten zu Fuß entfernt, was auch etwas über die Größe der Stadt aussagt.
Wenn ich von hier sage, dann meine ich von meinem Zimmer in einer esoterischen Wohngemeinschaft in einem dieser holzverkleideten Mehrfamilienhäuser. Eeva, die 60-jährige, ausschließlich Quellwasser-trinkende Besitzerin, fühlte eine ungewöhnliche Leere, nachdem ihre Kinder ausgezogen waren. So entschloss sie sich, drei Zimmer bei Airbnb zu vermieten und gründete somit eine internationale Airbnb-WG. So wohnte ich also mit Eeva, Hayley, einer nomadischen Kanadierin, die ihr Aufgabegepäck eingespart hatte und die EUR 75,- (was mir relativ viel erschien) für den Koffer lieber in Klamotten vor Ort investieren wollte, mit dem österreichischen entschleunigten Religionslehrer Franz, der seine Ferien genoss und der Schweizerin Barbara zusammen, die irgendetwas im Bereich Persönlichkeitsentwicklung macht.
Noch voller Energie miete ich mir in Tallinn ein Auto und fahre in den Lahemaa-Nationalpark. Ein Naturparadies, das seinesgleichen sucht, schätze ich. Mein Tätowierer, der mir die drei baltischen Nationalvögel tätowiert hat, hatte mich vorab noch vor Bären (ja mit „ä“) gewarnt. Außer viel Wald, Moor, Esten, die in das letzte brackige Moorwasser gesprungen sind und noch mehr Wald, war das ganze aber relativ unspektakulär schön und ohne weitere Vorkommnisse. Nicht mal die ehemalige sowjetische U-Boot-Basis strahlt noch Gefahr aus.
Was mir auf dem Weg aber auffällt ist, wie pragmatisch die Esten sind. Neben der Möglichkeit, auf der Autobahn links umzudrehen (ja richtig gelesen, Abbieger-Spur um auf der Autobahn (!!!) zu u-turnen), fahre ich plötzlich auf einer frisch geteerten Straße, die trotz fehlender (!!!) Fahrbahnmarkierungen übers Wochenende schon mal freigegeben wurde. Schließlich weiß doch eh jeder ungefähr, wo er zu fahren hat, oder wie oder wat?
Etappe 2: Giga Riga
Nach Riga nehme ich den Lux-Express. DAS Bus-Unternehmen des Baltrikums, wenn es um Komfort und Preis-Leistungs-Verhältnis geht. Neben bequemen Ledersitzen, die man für mehr Platz nach außen fahren kann, Flat-Screens mit Filmen, Spielen und Musik gibt es WLAN, eine funktionierende gut riechende (!!!) Bord-Toilette und Kaffee. IM TICKET-PREIS ENTHALTEN. „Na ist ja mächtig gewaltig“ hätte mein verstorbener Opa Max es vermutlich wie so oft treffend zusammengefasst.
Das „X“ in Lux-Express steht für Luxus.
In Riga angekommen stelle ich zum ersten Mal fest, wie groß die Unterschiede zwischen den Ländern wirklich sind. Mein Tattoowierer hatte mich schon „vorgewarnt“. War der Teil Estlands, den ich bereist hatte, noch überwiegend skandinavisch angehaucht, merkt man in Riga nun einen neuen Vibe. Auffällig sind die vielen großen schnellen Sportwagen (die hier nie jemand ausfahren kann, da auf Autobahnen ein generelles Tempolimit von 110 gilt), die sehr attraktiven Frauen mit kleinen braunen Minipudeln und die zahlreichen erhaltenen Jugendstil-Gebäude, die auch in jeder anderen europäischen Großstadt stehen könnten.
Mein Host heißt diesmal Dita. Sie ist groß, schlank, sehr hübsch und hat einen ähnlichen Humor wie ich, wie wir schnell feststellen. Es fühlt sich eher wie eine richtige WG an, als eine Airbnb-Buchung. Dita hat viel um die Ohren und spricht häufiger von „friends duties“, die sie zu erfüllen habe. Merkwürdigerweise kommt sie dann fast immer am nächsten Morgen durch die Haus- statt durch ihre Zimmertür herein. Ich merke das einmal an, wir lachen und es wird zum Running Gag.
In Riga merke ich bereits, dass es mir irgendwie an Energie fehlt und ich viel seltener die Wohnung verlasse, als ich es noch in Tallinn getan hatte. Das liegt nicht an den 5 Stockwerken, die ich jedes Mal zu Fuß hoch- und runterlaufen muss, sondern daran dass ich einfach viel zu arbeiten habe. Mein einer Kollege ist im Urlaub, der andere muss sich gerade erst mal um seine Familie kümmern, unser Werksstudent hat Klausurenphase. Die Arbeit muss trotzdem erledigt werden. Zugegebenermaßen war das alles auch etwas anders geplant, aber selbstständig zu sein bedeutet eben auch Verantwortung zu übernehmen. Für sich, für seine Firma und für seine Kunden. Es gibt dafür oft genug Phasen, wo es genau andersherum läuft. Es zeigt aber auch wieder, was den meisten schwerfällt zu verstehen: Dass ich reise, bedeutet nicht, dass ich Urlaub mache. So passiert es schnell, dass zwei Wochen Riga, die eigentlich viel zu lange für einen City-Trip sind, nicht reichen um die ganze Stadt zu sehen, geschweige denn mehr vom Land.
Und so entscheide ich mich, meinen Wochenend-Trip auf einen Tages-Trip zu beschränken und den einzigen Sonntag in Riga für eine ausgiebigere Stadt-Erkundung zu reservieren. Und damit kommen wir zur größten Gemeinsamkeit aller drei baltischen Staaten: das Denken in Superlativen. Ob es das größte Moor, der breiteste Wasserfall Europas oder das größte aus Fernsehern bestehende Kunstwerk der Welt ist – hier ist man stolz auf alles, was ein Alleinstellungsmerkmal darstellt.
Der breiteste Wasserfall Europas hat mein Interesse geweckt und so mache ich mich auf und fahre mit einem Automatik-Toyota-Yaris von Bolt los. Das Gefährt lenkt selbst, gibt Gas und macht eigentlich auch sonst alles, wofür ich als Fahrer zuständig wäre. Ein Hoch auf autonomes Fahren. Nicht. Langweilig. Noch dazu fahre ich die ganze Zeit geradeaus, links Wald, rechts Wald, vor mir zeigt der Tacho die meiste Zeit 90 km/h, selten 110. Ich erreiche Kuldīga. Eine süße kleine Altstadt, die durch den breitsten Wasserfall Europas enormen Zulauf genießt. Als ich den Wasserfall erreiche, bin ich beeindruckt. Und enttäuscht zur selben Zeit. Der Wasserfall ist zwar sehr breit, aber man kann von oben runterspringen und höchstens die Schuhe werden nass. Das hatte ich mir irgendwie anders ausgemalt.
Spoiler: Riga hat mir von allen drei Hauptstädten trotz Arbeitsstress irgendwie am besten gefallen. Lebendig, schön, nette Menschen. Punkt.
Etappe 3: Verwirrt von Vilnius
Vilnius soll meine letzte Station im Baltikum sein. Irgendwie ist mein erster Eindruck, dass es sympathisch normal asozial ist. Klingt komisch, ich weiß aber in Tallinn und Riga hatte ich 1 Monat lang so gut wie niemanden betteln, saufen, Drogen nehmen gesehen. Plötzlich steige ich aus dem nächsten Lux-Express am Busbahnhof und falle gefühlt als erstes über einen besoffenen Russen mit 1-Liter-PET-Bierflasche.
Meine Unterkunft ist im Außenbezirk von Užupis, der einzigen (wer hätte es gedacht) und selbsternannten Künstlerrepubik Europas. Schreit nach Guiness-Buch der Rekorde. Ich tippe den Code ein, der mir zuvor mitgeteilt wurde, um die Holzpforte zu öffnen. Dahinter verbirgt sich eine renovierungsbedürftige Gartenlaube, die ich nun die nächsten zwei Wochen mein Eigen nennen darf. Gute Nacht Marie, denke ich und öffne die Haustür. Von innen bestätigt sich der Anblick nicht, im Gegenteil ist es unerwartet gemütlich. Als digitaler Nomade frage ich meinen Host natürlich sofort nach dem WLAN-Code. Ich habe ihn weder in Airbnb gefunden, noch gibt es irgendwelche Informationen dazu im Apartment. Es funktioniert nicht. Ich bitte den Host, dafür zu sorgen dass es Montag (2 Tage später) optimalerweise funktionieren müsste, da das schließlich eine der wenigen Hauptzutaten meines Arbeitsalltags darstellt. Einige Nachrichten später, kommuniziert mein Gastgeber nur noch in GROSSBUCHSTABEN. Alles würde einwandfrei funktionieren und ich Dussel müsse bitte einfach nur das Passwort, dass man mir als Foto von einem handgeschriebenen Zettel geschickt hatte, abtippen. Aha. Als hätte ich das nicht schon mehrfach gemacht. Nachdem mir der Besitzer Zugriff auf den Router gegeben hat, starte ich diesen von nun an jeden Tag mindestens einmal neu. Funktioniert. Auf meine Anmerkung, dass man doch bitte zukünftig die Funkdisziplin wahren sollte und ich mich sicher nicht von jemandem per Nachricht anschreien lassen würde, erfahre ich dass man zur Beantwortung von Nachrichten KI-Tools nutzen würde, die zur Verdeutlichung des Sachverhalts gern Großbuchstaben einsetzen würden. Aha. Klingt, als wäre die KI entweder von einem Choleriker trainiert worden oder als ob man mich verarschen wolle.
Samstagmorgen. Ich schrecke auf, weil mein Handy einen irren Notfall-Alarm von sich gibt. In Deutschland kenne ich das nur von Test-Nachrichten, die angekündigt kommen. Wo bringe ich mich denn nun in Sicherheit? denke ich unterbewusst. Stelle aber schnell fest, dass statt des Russen im Vorgarten nur ein Sturmtief übers Land zieht. Es wird empfohlen, im Haus zu bleiben. Gott sei Dank, denke ich. Mittlerweile bin ich seit einer Woche hier. Mein Energielevel ist mittlerweile noch weiter gesunken, als es schon in Riga der Fall war. So entscheide ich mich in Vilnius einfach komplett auf eine Ausfahrt über die Stadtgrenzen hinaus zu verzichten. Und ich fühle mich damit richtig gut! Kein Fear of Missing Out, kein Bedauern. Ich habe es mir in meiner Gartenlaube richtig gemütlich gemacht und ich habe den Eindruck, dass ich das genau so brauchte.
Zu guter Letzt: Ich bin froh, meine Tour de Baltrikum gemacht zu haben. Ich habe wieder mal viel gelernt. Gelernt über die einzelnen Länder. Über mich selbst. Und ich habe tolle Menschen kennengelernt. Ich habe mich aber dafür entschieden, mir ein Aufenthalts-Minimum von einem Monat zu setzen. Zu sehr habe ich mich unterbewusst irgendwie doch gestresst gefühlt, bei jedem Ausgang möglichst viel zu sehen. Aus dem Kaffee im Sitzen wurde so häufig der Coffee to Go. Die Ausflüge im Land wurden immer kürzer oder fanden gar nicht statt. Das ist nicht die Art, wie ich reisen möchte. Ich freue mich jetzt auf Bulgarien, dazu werde ich schon bald mehr zu berichten haben.








































