Irgendwo in einem beschaulichen Ort in Dänemark, an dem es so still ist, dass er sich seinen Namen „Stillinge Strand“ redlich verdient hat, sitze ich auf der Terrasse eines klassischen dänischen Ferienhauses und schaue auf einen akkurat gepflegten Rasen. Regelmäßig fährt der Rasenmähroboter aus seiner selbstgebauten Hundehütte, um auch den kürzesten Grashalm wieder auf Spur zu bringen. Er nutzt dabei ein sogenanntes Chaosprinzip, welches laut einer Gemini-Recherche wohl das effektivste und rasenschonendste zu sein scheint. Dass er dabei wild kreuz und quer fährt, mag so manchen effizienzgetriebenen Planer zur Verzweiflung treiben, es lässt sich aber nicht ändern. Unterstützt wird der Mähroboter von der „bekloppten Trulla nebenan“, die den Rasenstreifen neben ihrer Einfahrt, die direkt an unserem Garten vorbeiführt, ebenso akkurat hält wie unser Robodoggy. Wenn nichts und niemand mäht, hört man eigentlich nichts. Vögel zwitschern, ab und zu schleicht ein Auto über den angrenzenden Schotterweg. Steht der Wind richtig, hört man Kinder am fußläufig erreichbaren Ostsee-Strand spielen – einem DER schönsten und besten Badestrände in ganz Westseeland. Die Hauptattraktion ist die 15 Minuten entfernte „Vikingeborgen“ Trelleborg, ein Ringwall in dessen Mitte einst symmetrisch angeordnete Langhäuser standen, an die jetzt nur noch angedeutete Beton-Klötze erinnern lassen.
Gäbe es noch eine heile Welt, sie wäre vermutlich hier.
Wer oder was aber verschlägt einen Weltenbummler wie mich in dieses beschauliche Familien-Feriengebiet? Meine Eltern. Treue Leser meines Blogs wissen, dass meine Eltern und ich uns letztes Jahr durch die „Straßenkriege“ in Kopenhagen „gekämpft“ haben. Hier entstand die Idee, zusammen nochmal nach Dänemark zu fahren und waberte vor sich hin, bis feststand, wohin es mich nach Teneriffa ziehen sollte. Mittlerweile steht fest: Es geht die nächsten (mindestens) 1,5 Monate ins Baltikum. Und so führte mich mein Weg über einen zweiwöchigen Zwischenstopp in Deutschland, den ich dankenswerterweise bei meiner besten Freundin (ja, Susl, hier ist es schwarz auf weiß) und ihrer zauberhaften Patchwork-Family verbringen durfte, mit meinen Eltern im Auto Richtung Norden.
Heute habe ich Grund zu feiern: Seit einem halben Jahr reise ich nun. Was sich anfühlt wie einige wenige Wochen, sind nun einfach schon sechs Monate. Zeit, ein Fazit zu ziehen:
Geile Kiste!
Das wäre meine Kurzfassung. Da überrascht es auch nicht, dass ich allen, die ich treffen konnte, eigentlich nur vorschwärmen konnte und jede Nachfrage, ob ich denn überhaupt wiederkomme, in mir ein unentschlossenes Schulterzucken ausgelöst hat. Das Reisen, die Begegnungen mit neuen Menschen und das gefühlte ständige Horizont-Erweitern gefallen mir leider viel zu gut, als dass ich nicht darüber nachdenken würde, mehr oder ausschließlich zu reisen.
Angefacht wurde dieses Fernweh zusätzlich von meiner ersten Erfahrung in einer deutschen Schlange am Flughafen, der ich nun 5 Monate lang erfolgreich entkommen war.
„Wieso ist die Gepäckabgabe noch nicht auf?"
„Wieso sind da nur zwei Schalter?"
„ENTSCHULDIGUNG! Sie wollen sich doch nicht etwa vordrängeln?!"
Seit Langem hatte ich nicht mehr so viel Anspannung auf einem Haufen erlebt und mich gleichzeitig ebenso fehl am Platz gefühlt.
Dieser Eindruck beschleicht mich schon lange über Deutschland. Wo man hinhört oder liest: Das Land ist gefühlt dem Untergang geweiht. Hat jemals jemand darüber nachgedacht, dass wir den Jackpot in der Geburtenlotterie gezogen haben und vermutlich 90 % der Erdbevölkerung mit uns tauschen würden? Und das ohne auch vorab nur ein Los selbst gekauft zu haben. Zugegeben: Ich bin von den meisten Problemen und Maßnahmen nicht betroffen. Habe keine Kinder, um die ich mich erst sorgen müsste etc., aber vielleicht macht gerade das mich auch zu einem neutraleren Beobachter?
Was für eine Rückkehr spricht und immer sprechen wird, sind meine Familie, Freunde und alle anderen, die mir am Herzen liegen. Es war schön, möglichst viele zu sehen, auch wenn ich mich phasenweise gefühlt habe wie in meiner wildesten Tinder-Zeit, wo man gefühlt jeden Abend jemand anderen gedatet hat (ja, da war ich noch jünger, ist ja gut). „Wie läuft’s?“ – „Wie war’s?“ – „Und bei euch so?“ – „Ach, alles beim Üblichen …“ Irgendwo natürlich verständlich und auch der kurzen Zeit geschuldet, die ich da war, aber ich war auch froh, dass es nun erst mal wieder alleine weitergeht.
Ich mag es, alleine zu sein.
Wenn ich auf das letzte halbe Jahr zurückschaue, habe ich nicht nur eine tolle Zeit gehabt, sondern auch viel über mich selbst und meine Art zu leben gelernt. Gestartet war ich mit der Idee, spontan und flexibel zu sein. Dorthin zu reisen wo ich wann und wie ich mag. Um mir diese neu gewonnene Flexibilität direkt zu nehmen, hatte ich dann allerdings die ersten fünf Monate schon komplett gebucht und geplant, Südafrika into Marokko bis nach Teneriffa. Vermutlich hätte ich Marokko geskippt, da ich eh Probleme mit meinem Flug hatte, dafür dann aber auch nicht herausgefunden, was für ein schönes Land Marokko außerhalb der Städte ist. Da ist sie wieder diese:
Eine Medaille mit den zwei Seiten.
Wenn ich nun am Samstag ins Baltikum aufbreche, werde ich nichts weiter geplant oder gebucht haben und ich freue mich auf dieses gewisse Ungewisse!
Wir werden sehen, wohin der Wind mich treibt, ich werde euch sicher davon berichten…


