Während ich meinen Hexenschuss auskuriere, verpasse ich eine lang geplante Street Art Tour. Startend in Woodstock, dem ältesten Stadtteil Kapstadts, soll mich die Tour nach Khayelitsha führen. Beide Orte sollte man nicht alleine aufsuchen. Während in Woodstock eine Hauptstraße noch sicher begehbar erscheint, findet man sich nach zwei Mal falsch abbiegen plötzlich in einer super dodgy Gegend wieder.
Khayelitsha toppt das Ganze, zumindest wenn man den Erzählungen glauben darf. Es ist eines der größten Townships Südafrikas. Schätzungen zufolge leben dort über 2 Millionen Menschen. Zum Vergleich: In der Innenstadt Kapstadts leben etwa 200.000.
Angesichts dieser Aussichten kommen Zweifel in mir auf, ob es wirklich eine gute Idee ist dort hin zu fahren. Dass alle meine Uberfahrer zudem selbst einen großen Bogen darum machen, wirft eine organisatorische Frage auf: Wie komme ich hin – und vor allem wie wieder zurück? Vor meinem geistigen Auge sehe ich mich schon ewig auf ein Uber warten, das mich zurückbringt – umzingelt von marodierenden Räuberbanden. Aber irgendwie arbeitet es schon länger in mir. Wer meinen Artikel über meine Ankunft gelesen hat weiß, dass ich ein komisches Gefühl hatte seit ich hier angekommen bin.
Ich möchte Afrika sehen.
Ich teile meine Bedenken per WhatsApp mit Juma, dem Tourorganisator. Er gibt mir die Nummer von Ishmael 2 – so scheint er zumindest in Jumas Kontakten abgespeichert. Ich sage also zu, mache einen Deal mit eben jenem Fahrer und bin froh, dass es jetzt kein Zurück mehr gibt. Am nächsten Morgen muss ich früh hoch. Ich bin verkatert.
Den Abend vorher war ich „auf ein Bier“ mit zwei Fremden im Van Hunks – der Bar meines Vertrauens in direkter Nachbarschaft und wie eine Art zweites Wohnzimmer. Ein paar Bier und Brandy Cola später hatte ich den Absprung gerade noch rechtzeitig geschafft.
In Woodstock angekommen begrüßt uns unser Tourguide im Woodstock Exchange. Einer ehemaligen Fabrik, die nun Heimat für Künstler aus der ganzen Welt geworden ist. Nicht verwunderlich also, dass schon das halbe Fabrikgelände voll mit Street Art ist. Darf man Kunst überhaupt zu Street Art zählen, die sich nicht an einer Straße befindet? Wir wollen mal nicht so sein, denke ich, und ehe wir uns versehen, sind wir auch schon mitten in einer dieser dodgy Gassen. Es erinnert ein bisschen an eine wilde Mischung aus Bo-Kaap und Gardens. Bunte Häuser treffen auf alte Gebäude aus der Kolonialzeit. Es ist schmutzig und riecht wie eine Mischung aus Weed und Urin. Auf der Straße spielen Kinder, zwischen zwielichtig anmutenden Gestalten an jeder Straßenecke, die aussehen als würden sie nach etwas Ausschau halten oder auf jemanden warten.
Wir klappern ein Wandgemälde nach dem anderen ab. Jedes Bild schreibt seine eigene Geschichte. Wie bei Kunst üblich, verstehe ich den Gedanken des Künstlers mal mehr und mal weniger. Doch gerade die Bilder der südafrikanischen Künstler sprechen eine eindeutige Sprache. Es geht um die Bewältigung der Folgen von Apartheid, Armut und Wünschen für die Zukunft.
Wir sind am Ende der Tour angekommen. Meine eigentliche Tour sollte aber eigentlich erst starten. Während die zehn Leute aus Woodstock zurückbleiben, bin ich scheinbar der einzige, der weiter ins Township fährt. Mich erwartet bereits Ishmael 2. Einmal in seinem Auto gibt es kein Zurück. Während der Fahrt sprechen wir offen darüber, wie ich mich fühle. Er, selbst Bewohner von Khayelitsha, versucht mir meine Bedenken zu nehmen.
Doch je näher wir dem Township kommen, desto unwirklicher erscheint mir alles. Plötzlich scheint jeder Flecken Erde zu einem potenziellen Bauplatz zu werden, auf dem eine Wellblechhütte steht. 48 Stunden Zeit habe man. Wird es bis dahin nicht abgerissen, kann man dieses Stückchen Erde, und alles was darauf steht, behalten. Was es bedeutet, in so einer Hütte zu wohnen, sollte ich später noch erfahren.
Wir sind in Khayelitsha angekommen. Ich bin erstaunt über die Mischung aus kleinen Steinhäusern, funktionalen Containern und eben Wellblechhütten, soweit das Auge reicht. Ishmael 2 zeigt auf eine Straße und sagt: „Hier darfst du niemals links abbiegen.“ Ok, denke ich. Und frage mich, ob ich jemals vor dieser Entscheidung stehen sollte.
Ein Paar Minuten später erreichen wir den Treffpunkt. Siki’s Koffee Kafe. Ein kleiner Coffee Shop in einem Wohnviertel mit richtigen Häusern, vielleicht sogar der einzige in ganz Khayelitsha. Bevor wir aussteigen weise ich Ishmael 2 dezent auf das Bargeld hin, dass ich ihm im seine Mittelkonsole gelegt hatte, in Sorge es würde direkt geklaut sobald das Auto unbeobachtet war. Er lacht laut und steigt aus.
Sikelela, der Gründer des Cafés, ist eines dieser Beispiele, die es geschafft haben. Vom Tellerwäscher in einer Kaffekette ist er über London wieder nach Khayelitsha zurückgekehrt, wo er mittlerweile eine eigene Rösterei mit Café in der Garage seiner Mutter betreibt. Wie ich später erfahre, ist es immer noch eine Garage. Jeden Abend wird alles rausgeräumt und das Auto geparkt. Ich weiß nicht wieso, aber mein erster Gedanke ist:
In Deutschland undenkbar!
Vermutlich, weil ich in vielen Dingen einfach deutsch bin af – schuldig im Sinne der Anklage euer Ehren. Woher ich das alles weiß? Von Nomonde. Sie ist mein Tourguide. Eine lokale Künstlerin, Mitte 20, mit langen Rasterlocken. Wir sitzen bei einem Kaffee im Hinterhof zusammen und sie versucht mich auf das vorzubereiten, was mich die nächsten Stunden erwarten wird. Zusammenfassend lässt sich sagen es wird:
Laut.
Chaotisch.
Und ich werde kein Wort verstehen.
In Khayelitsha spricht man kein englisch, sondern Xhosa. Eine Sprache, die mit keiner vergleichbar ist, die ich kenne – abgerundet von Klicklauten. Nach der kurzen Einführung verlassen wir den Safespace Garage und plötzlich bin ich mittendrin. Ein einziger Weißer, mit strahlend blau-grauen Augen und schneeweißen Haaren, die der Farbe meiner Haut entsprechen. Als wäre das nicht auffällig genug, läuft neben mir eine kleine zierliche Rastafari, die hier scheinbar wirklich alle kennen. Alle schön grüßen, hat sie mir eingebläut und so handhabe ich es. Ich werde angestarrt, aber niemand grüßt zurück. Ich erfülle trotzdem meinen Auftrag.
Mir wird schnell klar, dass es hier weniger um Street Art gehen wird, als mehr um die Kunst auf der Straße zu überleben.
Wir erreichen die „Innenstadt“. Neben informal Shops, wie die illegalen Geschäfte hier heißen, gibt es hier eine Bahnstation und ein richtiges Einkaufszentrum. Es stinkt wie die Hölle und wirklich überall liegt Müll. Irgendwie ist Khayelitsha ein weirder Mix aus kreativer Improvisation und fester Infrastruktur. Von all den Horrorgeschichten, die ich im Vorfeld gehört hatte, keine Spur. Nomande erzählt mir aber, dass die Bewohner ihre Angelegenheiten trotz 7 Polizeistationen hier selbst regeln. Zu oft würde man hier von der Polizei enttäuscht. Der Fakt der Selbstjustiz scheint sich merkwürdigerweise eher reinigend auf das Klima hier auswirken. Zu groß scheint die Scham oder Angst erwischt zu werden – kennen sich hier doch schließlich alle. „Da solltest du nicht hingehen“ sagt Nomande und zeigt in dieselbe Richtung, wie Ishmael 2. In diese Richtung liegt das Khayelitsha, vor dem mich alle gewarnt hatten. Marodierende Banden, Kidnapping, Überfälle, Morde. Ich sehe also keinen Grund dorthin zu gehen und wir ziehen weiter.
Auf dem Weg zum Höhepunkt der Tour, zeigt mir Nomande jede Menge Street Art. Ein Kunstwerk ist mir dabei besonders im Gedächtnis geblieben: Es ist ein Selbstporträt eines eines großen Talents, welches den Kampf gegen die eigenen Dämonen verloren hat. Der Mann lebt heute in seiner eigenen, von Crack vernebelten, Welt. Er dient im den Kindern im Viertel als abschreckendes Beispiel. Mittlerweile sind wir tief ins Township vorgedrungen. Hier gibt es fast nur noch Wellblechhütten. Ohne Nomande wäre ich auf den schmalen Sandwegen aufgeschmissen. Mir fällt auf, dass alle Strom zu haben scheinen, aber niemand fließendes Wasser. Jeweils 10 Hütten teilen sich eine Wasserstelle und ein Plumpsklo. Urgs.
Wir sind am Ende angekommen. Dem Story Room. Ein Creative Hub, der die Arbeit lokaler Künstler unterstützt. Was so hochtrabend klingt, besteht aus 3 Wellblechhütten mit einem kleinen Community Garten.
Ich lerne Nomandes Bruder kennen. Er ist etwas jünger als ich und wie sie Künstler. Als er sich vorstellt, entschuldigt er sich für seinen Zustand. Er ist bekifft und betrunken. Es ist 13:00 Uhr. Er erzählt mir von seiner Kunst und was er für Themen damit verarbeitet. Plötzlich stoppt er. Er schaut mir tief in die Augen und sagt, grau-blaue Augen sehe man hier selten. Er könne dadurch in meine Seele schauen. Was er sieht, bleibt offen. Er fragt mich, ob ich einen Begriff an eine der Wände sprühen könne. Einen Begriff, wie ich Khayelitsha empfinde. Nach dem, was ich hier gesehen habe, wähle ich „Creativity“. Wie man so viel aus so wenig machen kann, wie die Menschen hier im Viertel, beeindruckt mich zutiefst.
Während ich darauf warte, dass Ishmael 2 mich abholt, stehe ich mit Nomandes Bruder in seinem „Atelier“. Links neben wir wird Babynahrung gekocht, rechts von mir läuft YouTube auf einem veralteten Flachbild-Fernseher. Durch einen Vorhang getrennt, sehe ich ein Matratzenlager. Auf engstem Raum zähle ich mindestens 8 Schlafplätze.
Kurz bevor ich ins Auto steige, erzählt mir Nomande, dass ihr Vater der Anführer einer Gang war und dabei erschossen wurde. Ihr Bruder habe sich dagegen entschieden, seine Nachfolge anzutreten und stattdessen dieses, wahrscheinlich weniger privilegierte, Leben zu führen. Puh, denke ich.
Ich verabschiede mich, steige ins Auto und muss erst Mal tief durchatmen. Ishmael 2 erzählt mir, dass er eine Zeit lang im CBD gelebt habe, es aber nicht lang ausgehalten hätte, ehe er nach Khayelitsha zurückgekehrt sei. Irgendwie verstehe ich ihn, wenn ich mir vorstelle dass man so aufgewachsen ist. Irgendwie aber auch nicht. Nach 1,5 Monaten habe ich aber definitiv eine neue Erkenntnis:
Heute habe ich Afrika gesehen…













