Während meines Trips bekam ich unerwartet Besuch von einer guten Freundin, die ich auf Teneriffa kennengelernt habe. Sie ist seit Jahren Nomadin in Vollzeit. D. h., sie reist wie ich durch die Welt, hat aber im Gegensatz zu mir keine feste Homebase, zu der sie regelmäßig zurückkehrt. Ich weiß aus Gesprächen, dass sie manchmal gern eine hätte, aber kaum Orte findet, wo ihr nicht irgendwann „die Decke auf den Kopf fällt“. Vielleicht ist sie durch das viele Reisen aber auch einfach süchtig nach dem nächsten Abenteuer? Das müsste man sie vermutlich selber fragen.

Nun war sie also in Kapstadt und, wie immer, voller Tatendrang. Ich glaube, sie hat in knapp zwei Wochen mehr unterschiedliche Aktivitäten unternommen als ich in zwei Monaten. Während ich vom Energielevel sehr entschleunigt durchs Leben gehe, reicht bei ihr der Akku oft nicht für all ihre Energie. Wohl wissend, dass unsere Energielevel nicht weiter auseinander liegen könnten, ist es, wenn wir uns sehen, immer als würden wir uns ewig kennen. Was sicher auch daran liegt, dass wir uns gegenseitig pushen oder eben entschleunigen. Ich hatte daher auch keine Bedenken, als wir uns verabredeten, einen Tag außerhalb der Stadt herum zu touren. Unser Weg führte uns zuerst über den Chapman’s Peak Drive, der als eine der schönsten Küstenstraßen der Welt zählt. Kein Wunder, dass es hier mittlerweile eine Maut gibt. Die zahlt man aber angesichts des Anblicks gern. Erst recht, wenn die alternative Route, je nach Tageszeit, doppelt bis dreifach so lange dauern kann. Zeit haben wir ja schließlich auch nicht zu verschenken.

Auf der etwa 1,5 Stunden langen Fahrt kann meine Begleiterin ihre Aufregung kaum verbergen. Im Gegenteil, sie versucht es nicht einmal. Wie könnte sie auch? Unser nächster Stopp heißt schließlich Boulders Beach. Jeder, der schon mal in Kapstadt war, weiß, dass dort die vermutlich größte Pinguinkolonie des Kaps zu finden ist. Und wie sollte es anders sein? Meine Freundin kann ihre Energie auch hervorragend in Obsessionen für Tiere aller Art channeln. In Boulders Beach angekommen sind wir fast die Einzigen. Und eins steht fest: Hier ist wirklich alles voller Pinguine.

Ein Schild weist darauf hin, vor dem Ausparken unter seinem Auto Ausschau zu halten. Sie sind also wirklich überall. Geteilt wird das Pinguin-Wunderland mit einem Tier namens „Schliefer“, einer wilden Mischung aus Meerschweinchen, Hase und Murmeltier. Wie nicht anders zu erwarten, brauchen wir für einen Fußweg von etwa 15 Minuten meiner Zeit (fünf Minuten ihrer Zeit) etwa 30–45 Minuten. Als erfahrene Safariana hat meine Begleiterin nämlich natürlich ihre Spiegelreflex im Gepäck. So ein Geschoss kenne ich sonst nur vom Fußball. Jedes Tier wird damit minutiös festgehalten. In Bild und Video. Die investierte Zeit wird sich später noch für mich auszahlen, denke ich, und warte geduldig, bis auch das letzte Biest im Kasten ist.

45 Minuten später kommen wir an einem Strand an. Geheimtipp von meinem Freund, um den Eintritt zur großen Pinguin-Kolonie zu sparen. Und Geld haben wir schließlich auch alle nicht zu verschenken. Wir hüpfen also auf der Suche über Stock und Stein. Weit und breit kein Pinguin in Sicht. Beim letzten „Hops“ schießt es mir in den unteren Rücken, aber nicht zu knapp. Die Hexe hat wieder zugeschlagen und damit meine ich nicht meine Begleitung.

Ruhig bleiben.
Durchatmen.
In Bewegung bleiben.

Denke ich mir. Und vor allem bloß nichts anmerken lassen, wohl wissend, dass der Tag eigentlich noch vor uns liegt. Wir erreichen das Pinguin-Mekka. Ich kenne Pinguine bisher nur aus dem Zoo, bekomme aber schnell den Eindruck, dass sie in freier Wildbahn glücklicher sind. Meine Begleitung habe ich sofort verloren. Sie ist in einem anderen Universum. Jetzt gibt es nur noch sie, ihre überdimensionierte Kamera und Pinguine.

Ich schaue mich um. Während eine Gruppe Pinguine versucht, ins Wasser zu kommen, wackelt ein verwirrter Pinguin-Mann mit einem Ast im Schnabel durch die Gegend. Es ist nicht ganz klar, ob er ein unfassbarer Casanova ist und nicht weiß, welches Nest er zuerst versorgen soll oder ob er sich einfach nur verlaufen hat. Eine Stunde, ein ausgiebiges Pinguin-Souvenir-Shopping und einen Kaffee später sind wir ready für den nächsten Halt. Wir gehen also denselben Weg zurück, natürlich nicht, ohne mehrmals Halt zu machen. Der ganze Spot ist mittlerweile voller Menschen. Gott sei Dank sind wir um 7:30 Uhr aufgestanden, denke ich, schnalle mich an und das Auto rollt los.

Next Stop: Cape of Good Hope.

Am Kap der guten Hoffnung angekommen, stoppen wir im Two Oceans Restaurant. Meine Freundin isst ein köstliches Straußen-Carpaccio. Das erwähne ich nur, weil es später noch wichtig werden sollte. Im Gegensatz zu den meisten anderen, die zu einem der Leuchttürme gehen, entscheiden wir uns für einen entspannten Hike. Durch Zufall wird unser Blick in die Ferne gelenkt. Ich merke, wie die Aufregung in meiner Begleiterin steigt. Weit oben, da oben auf dem Berg, stehen Antilopen. Ich meine es waren Impalas. Hier am Kap. In freier Wildbahn. Verrückt. Ich bin fast genauso euphorisiert wie sie, kann es aber wie so oft nur schwer zeigen. Ihr ahnt es wahrscheinlich schon. Sie holt ihren Prügel von Kamera raus und zoomt die Biester ran bis nach Meppen. 127 Fotos später gehen wir weiter.

Kaum haben wir den sandigen Trampelpfad verlassen, stolpern wir in eine Gruppe von wild lebenden Straußen. Habe ich hier Safari gebucht oder wat, denke ich. Meine Begleitung ist mittlerweile überhaupt nicht mehr zu halten. Geduldig warte ich, bis der Strauß final im Kasten ist und genieße die herrliche Aussicht auf das Meer.

Moment Mal. Hast du nicht eben noch jemanden aus seiner Familie zum Mittag gegessen frage ich sie. Ich merke, wie sie kurz von einem schlechten Gewissen übermannt wird, ehe sie die Kamera direkt wieder drauf hält.

Zurück am Auto trifft es mich erneut wie der Blitz: hat in Boulders Beach eigentlich jemand vor der Abfahrt unters Auto geschaut…