Die kurze Antwort: Weil ich Gott sei Dank so privilegiert bin und es kann. Je mehr und länger man an einem Ort reist und je mehr man auch mit Menschen vor Ort in Kontakt kommt, desto mehr lernt man zu schätzen, dass man, wenn man es denn möchte, gefühlt an jeden Ort reisen und fast überall auch länger bleiben kann, ohne Abstriche machen oder Einschnitte erleben zu müssen.
Mir ist bewusst, dass auch in Deutschland nicht jeder zum „Digital Nomad“ werden kann, sei es aufgrund des Jobs, der finanziellen Situation, familiären oder aus anderen Gründen. Aber wohlwissend, dass es auch in Deutschland vielen Menschen schlechter geht als mir, kann ich festhalten, dass Menschen in anderen Teilen der Erde noch viel mehr strugglen und oft von der Hand in den Mund oder weniger leben.
Das war die kurze Antwort.
Wer jetzt schon dachte deep – Spoilerwarnung: es wird noch deeper.
Dass ich das machen kann, beschreibt erst mal nur eine einfache Tatsache, die ich mit vielen anderen teile. Wieso aber bin ich einer der wenigen, die es wirklich machen? Und da liegt der „Hund im Pfeffer begraben“.
Left over
Ich habe es mal einer guten Freundin, die ich auf Reisen kennengelernt habe, so beschrieben:
Manchmal fühle ich mich wie ein
„left over“.
Was erst mal für viele traurig klingt, ist es gar nicht. Denn wie jeder weiß sind left overs im Foodie-Sinne manchmal sogar geiler als das Gericht direkt zu essen. Oft kommt es auch auf die Situation an – soll heißen: nicht jedes left over ist schlecht und damit ist ist es auch nicht schlecht, sich so zu fühlen. Es ist eher eine Beschreibung meiner Lebensrealität.
In meinem Alter sind 95 % verheiratet und die meisten haben mittlerweile Kinder sowie ihre eigene kleine Familie gegründet. Und ich gönne es jedem von ihnen von Herzen und freue mich, dass sie ihr persönliches Glück gefunden haben.
Hätte ich mir das auch für mich vorstellen können? Bestimmt!
Habe ich es darauf angelegt bzw. mein Leben danach ausgerichtet? Bestimmt nicht!
Und so sehr ich meine Freunde liebe und immer alles für jeden von ihnen tun würde, so sehr driften unsere Lebensrealitäten jeden Tag weiter auseinander:
Unsere Sorgen... Probleme... Alltage... Themen... Wochenenden...
Einige werden sicher denken, es klingt, als würde ich vor meiner Lebensrealität fliehen. In gewisser Weise ist das sicher auch so. Aber ich habe während meinen Reisen viele Menschen getroffen, denen es ähnlich geht wie mir. Und vielleicht habe ich statt zu fliehen auch einfach eine neue Lebensrealität gefunden?
Vielleicht kennt jemand dieses Meme mit dem Pinguin, der sich plötzlich und unaufhaltsam von seiner Gruppe trennt und unbeirrt Richtung Berge zieht. Am Ende fragt der Erzähler: „BUT WHY?“ Die Antwort darauf bleibt offen.
Vermutlich wird er irgendwann einsam und erschöpft sterben.
Vielleicht findet er aber auch andere Pinguine, die sich wie er von ihren Gruppen gelöst haben und es entsteht etwas Neues.
Am wahrscheinlichsten ist, dass er auf seinem Weg irgendwann zu seiner alten Gruppe zurückfindet. Im Gepäck neue Geschichten, Eindrücke und allerlei zu erzählen. Der Ausgang bleibt wie in „BUT WHY“ offen…


