Wenn man auf eine lange Reise geht, wo fängt man an, wo hört man auf? Zugegeben, das Ende meiner Reise ist noch ungewiss. Für den Start war relativ schnell klar: Es geht nach Kapstadt. Zu häufig hatte ich so viel über diese verrückte Stadt gehört, dass es Zeit wurde, sich selbst ein Bild zu machen.
Neben vielen Freunden, die mir überwiegend von schönen Urlauben berichtet hatten, wusste ich, dass einer dieser Stadt ganz besonders verfallen war und seit mehreren Jahren Monate zum Arbeiten hier verbringt. Ein paar WhatsApps und Calls später hatte ich auch schon gebucht.
Jetzt musste ich es nur noch meinen Eltern sagen.
Um die Stadt ranken sich viele Mythen. Ein Mythos ist, wie gefährlich es in Kapstadt ist.
Meine klare Antwort darauf nach 1,5 Monaten: Es kommt drauf an.
Aber wie erklärt man das jemandem, der ein bestimmtes Viertel in Kopenhagen nicht betreten wollte, weil auf der Webseite des Auswärtigen Amts vor Schießereien gewarnt wurde?
Um wen es geht? Ja genau, meine Mutter.
Sie ist die beste Mutter, die ich mir hätte wünschen können. Aber, oder gerade deswegen, macht sie sich immer Sorgen. Ich konnte ihr glaubhaft versichern, dass ich bestmöglich auf mich aufpassen werde.
Morgens um 6 in Kapstadt angekommen, warte ich darauf, dass die Counter an der Einreisekontrolle öffnen. In mir steigt die Nervosität. Ich hatte gelesen, dass mir die Einreise verweigert werden könne, wenn ich kein Rück- oder Weiterflugticket nachweise. In der Schlange fällt mir außerdem auf, dass ich den Passierschein (13b) wohl nicht vorab online ausgefüllt hatte.
Kaum abgesendet, bin ich auch schon dran. Ich setze mein Pokerface auf, schiebe meinen Pass über den Counter.
Der Grenzbeamte schaut den Pass an, schaut mich an und sagt mit einem Grinsen …
„Welcome to Cape Town!“
Gut, dass ich entgegen all meiner Pläne, aber in deutscher Manier, extra Flug und Unterkunft in Marrakesch gebucht habe, denke ich. Aber auch das wird sicher wunderbar.
Nach meinem ersten Flughafen-Kaffee suche ich das Uber-Parkhaus. Während ich gerade noch die Warnhinweise in der Uber-App lese, nur in Autos einzusteigen, die ich selbst bestellt habe, begrüßt mich im Parkhaus auch schon ein netter Mitarbeiter mit professioneller Uber-Card um den Hals.
Ich steige ein. Aber spätestens als er die Navigation in Google Maps eingibt und ich den SIXT-Sticker in der Windschutzscheibe entdecke, wird mir klar: Ich wurde zur Begrüßung direkt gescamt.
Herzlich Willkommen in Südafrika!
Später sollte ich erfahren, dass die 200 Rand, die ich in bar bezahle, nachdem ich mich geweigert hatte, meine Karte in sein Temu-Kartenlesegerät zu stecken, ein richtig guter Deal waren.
In Kapstadt angekommen, beschleicht mich ein komisches Gefühl. Etwas Ähnliches hatte ich bisher nur in Kambodscha empfunden. Als läge ein Schleier über dieser Stadt, über den nicht viele reden möchten.
Klar ist: die Folgen von jahrelanger Sklaverei und Apartheid zeigen sich im viel besungenen „Stadtbild“. Die meisten schwarzen Südafrikaner leben außerhalb dieser scheinbar wunderbaren Welt des City Bowl Districts und kommen meist nur zur Arbeit in das Zentrum der Stadt. Arbeit hat hier gefühlt keinen Wert, weil einfach zu viele auf der Suche danach sind. In manchen Restaurants arbeiten mehr schwarze Kellner, als es Gäste gibt. Der CBD, wie man hier lässig sagt, ist mehr wie ein internationaler weißer Schmelztiegel, als dass man wirklich das Gefühl hätte in Afrika zu sein. Mit dem nötigen Kleingeld bietet die Stadt uns alles, was man sich nur wünschen kann. Wunderschöne Strände mit herrlich blauem (arschkaltem) Wasser, Hiking-Trails rund um die Stadt herum (inklusive Lions Head und Table Mountain), Musik und Kultur sowie jede Menge Events und natürlich Wein, Wein, Wein – egal in welche Himmelrichtung man fährt.
Vielleicht ist dieser „Schleier“ auch ein Grund, wieso es hier viele gibt, die nach einer Chance suchen – sei es dein Schmuck, dein Smartphone oder sonstige Wertgegenstände. Je weniger Chancen man ihnen gibt, desto sicherer ist man hier lerne ich sehr schnell. Einige Käufe von Toastbrot, Erdnussbutter und Milch für Obdachlose im Minimarkt später wird mir außerdem klar – willst du nicht angesprochen werden, hilft nur eins:
Stechender Schritt und ernster Blick.
Das Leben in der City selbst fühlt sich hier ansonsten an wie die Prinzessin auf der Erbse. Die Preise hier sind wie von einem anderen Stern verglichen mit Deutschland – und das ohne Abstriche bei der Qualität.
Der einzige Abstrich: Sobald es dunkel wird, sollte man hier in den meisten Gegenden nicht mehr zu Fuß gehen. Dafür gibt es jede Menge Ubers, die – so lange man sie per App bestellt – sicher sind.
Bis ich übrigens erfahren habe, dass ich von den Uberfahrern genauso bewertet werde, wie ich sie bewerte, dachte ich, ich sei der beste Uberkunde, den man sich vorstellen kann. Immer mit einem fröhlichen „How are you“ einsteigend, fragend wie das Business läuft und Trinkgeld gebend, kommt hier das nüchterne Ergebnis:
4,44 von 5 …







