Mein Tag beginnt entspannt. Wie es sich für einen Karfreitag gehört, schließlich ist doch heute unser Erlöser gestorben. Oder so. Neben Spaß- und Tanzverbot führt das zu einem langen Wochenende. Auch wenn das hier in Marokko natürlich niemanden interessiert, bin ich dankbar dafür – gläubig oder nicht. Ich habe mich entschieden, die verbleibenden Feiertage so gut es geht auszukosten. Scheint die deutsche Volkswirtschaft doch nur noch zu retten, wenn wir künftig auf freie Tage verzichten. Zumindest wenn es nach Fritze Merz und seinen schwarzen Schergen geht.

10:00 Uhr.

Ich habe geduscht und meine Sachen gepackt. Ich begebe mich zum Bus. Google Maps zeigt 12 Minuten Fußweg an. Seit meiner Zeit in Kapstadt schaffe ich das in 10 denke ich. Am Ticketschalter von Supratours, dem Flixbus Marokkos, angekommen stelle ich fest:

Hier fährt heute kein Bus. Gestern nicht. Und morgen auch nicht.

Der Busbahnhof befindet sich etwa eine halbe Stunde zu Fuß in die entgegen gesetzte Richtung.

Mittlerweile ist es 10:15 Uhr.

Geplante Abfahrt ist 10:30 Uhr. Ich ärgere mich über mich selbst. Hatte ich doch in deutscher Gründlichkeit alles am Vorabend recherchiert und geplant. In meiner Not springe ich in das nächste Taxi, in der Hoffnung trotz des dichten Stadtverkehrs noch rechtzeitig anzukommen. Der Taxifahrer, ein älterer marokkanischer Herr, und ich unterhalten uns auf französisch. Besser: er unterhält sich mit mir auf französisch. Ich werfe immer wieder ein Oui, Oui, Oui ein, sobald ich den Eindruck habe, etwas verstanden zu haben.

10:30 Uhr. Ich bin am Busbahnhof angekommen.

Dort stehen zwei Busse zur Abfahrt bereit. Ich entscheide mich schnell für einen und frage: „Essaouira?“ „Ticket“ erwidert der Mann in gelber Warnweste, schaut flüchtig auf mein Handy. „Yallah“, ich steige ein. Einmal im Bus schließt sich die Tür hinter mir, wir fahren los. Sitznummern sehe ich keine und auch die Busnummer stimmt nicht mit der auf meinem Ticket überein. Ich setze mich auf den letzten verbliebenen Platz, ohne sicher zu sein wo diese Reise eigentlich hingeht. Bewusst entscheide ich mich, nicht zu fragen und stelle mein Handy aus. Würde mich meine Reise doch im Zweifel eh an einen Ort führen, an dem ich noch nicht war.

Der Bus ist voller Touristen. Ohne Kopfhörer verfolge ich unfreiwillig die Gespräche um mich herum. Vor mir sitzt eine deutsche Mutter mit ihrem pubertierenden Sohn, die sich darüber streiten, wann man sich das nächste Mal wieder trennen könne. Rechts von mir ein Paar. Er, dem Akzent nach zu urteilen Italiener, sie deutsche. Sie sprechen englisch gepaart mit der Sprache der Liebe. In der Öffentlichkeit hier eigentlich verpöhnt, fällt es in einem Reisebus voller Touristen nicht weiter auf. Hinter mir sitzen zwei Osteuropäerinnen, die alle 10 Minuten aufstehen, um etwas aus dem Fach über uns herauszuholen oder zu verstauen.

Wir verlassen die Stadtgrenzen.

Der wirtschaftliche Aufschwung, von dem mir Zaid im Zug erzählt und den ich in Marrakesch wahrgenommen hatte, scheint hier wie so oft noch nicht angekommen zu sein. Ich bekomme leichte Kambodscha-Vibes. Zwischen kleinen Dörfern entdecke ich, neben jeder Menge Minaretten, immer wieder improvisierte Verkaufsstände. Aus dem Kofferraum heraus verkaufen „Barista“ Kaffee. Das erinnert mich an eine Geschäftsidee, die ich einst hatte. Denn was ist eine der nervigsten Sachen an geliefertem Essen? Richtig, wenn das Essen nicht mehr heiß ist. Wie wäre es also, würde das Essen auf dem Weg zu dir frisch zubereitet? In Deutschland natürlich undenkbar, aber solltest du diese Idee woanders jemals umsetzen, erwähne mich bitte in deinem Impressum.

Wir fahren vorbei an Ortsschildern wie Casablanca, Agadir und anderen.

Von Essaouira keine Spur.

Im Hintergrund ragt das schneebedeckte Atlasgebirge in den Himmel. Wir überqueren Flüsse, die scheinbar schon länger kein Wasser mehr tragen, als sich plötzlich wie am Scheideweg ein Schild auftut. Essaouira nach rechts, zeigt es. Da unsere sportlich fahrende Busfahrerin keine Anstalten macht die Abfahrt anzusteuern, mache ich meinen Frieden damit, das Wochenende woanders zu verbringen. In diesem Moment der Erkenntnis, steigt sie in die Eisen, setzt den Blinker und zieht einmal quer rüber.

Es läuft alles nach Plan.

In Essaouira angekommen, Stelle ich fest: hier weht ein anderer Wind. Nicht umsonst befinde ich mich nun in der Stadt des Windes. Einer kleinen Küstenstadt, deren Medina zum UNESCO Weltkulturerbe erklärt wurde. Nicht nur das Klima ist ein anderes, es ist auch ein anderer Vibe als in Marrakesch. Die Architektur unterscheidet sich stark von den sonst überwiegend ockerfarbenen Straßenzügen. Die Häuser hier sind überwiegend weiss, geschmückt von blauen Fensterläden. Ich freue mich auf die Abwechslung, hatte ich doch in Marrakesch recht schnell festgestellt, dass man vermutlich in einer Woche alles wichtige hätte sehen können.

Meine Unterkunft für das Wochenende ist ein Zimmer mit Meerblick. Ohne Meerblick. Ich bin in einem Riad untergekommen. Eines dieser traditionellen Häuser mit prachtvollem Innenhof und Springbrunnen, aber ohne Fenster nach außen. So war sichergestellt, dass die Frauen im inneren unverschleiert sein konnten, ohne dass man sie von außen hätte sehen können. Mein Zimmer ist nicht wie auf den Bildern, im Gegenteil es ist eher abgerockt. Beinhaltet aber alles, was ich für das Wochenende brauche: ein Bett sowie ein kleines Bad.

Nachdem ich meine Sachen abgelegt habe, begebe ich mich auf Erkundungstour. Das Riad befindet sich fußläufig von den meisten Attraktionen entfernt, so wie vermutlich fast jeder Ort hier, ist Essaouira doch überschaubar groß. Ich starte im Hafen, wo zahlreiche blaue Fischerboote auf ihren Einsatz am nächsten Tag warten. Was hier los ist, nachdem die Fischer ihre harte Arbeit verrichtet haben, erfahre ich am nächsten Tag. Jede erdenkliche Art von Fisch und Meeresfrüchten liegt fangfrisch, auf den aus Spanplatten bestehenden, Auslagen. Statt einer Kühlung setzt man hier scheinbar auf die Kraft der Sonne, um seine Ware frisch zu halten. Mir vergeht kurz der Appetit auf die hochgepriesenen Juwelen des Meeres, die man hier in jedem Restaurant bestellen kann. Dass die meisten negativen Reviews der best bewerteten Lokale von Lebensmittelvergiftungen berichten, heizt meinen Appetit nicht unbedingt weiter an.

Ich ziehe weiter Richtung Medina, vorbei an Straßenmusikern und einer Armada von Katzen. Die gibt es hier wirklich überall.

In allen Größen, Formen und Farben.

Sie leben in friedlicher Co-Existenz mit den Einheimischen, die sie regelmäßig füttern. Die Medina ist sehr viel unaufgeregter als in Marrakesch. Die angebotenen Waren scheinen mir allerdings identisch.

Kennst du eine, kennst du alle.

Das ist vermutlich unfair, aber ich frage mich wirklich, wer das alles kaufen soll. Am Ende regelt alles der Markt, würde Chrischi Lindner vermutlich sagen. Und es stimmt, würde niemand die vermeintlich handgeklöppelten Lampenschirme, Holzschnitzereien, Schmuck- und Kleidungsstücke kaufen, würde es die Geschäfte vermutlich nicht geben. Ich bin am zweiten Höhepunkt der Stadt angekommen. Der Sqala Kasbah. Eine Befestigungsanlage aus dem 18. Jahrhundert, um Angriffe vom Meer abzuwehren. Noch heute säumen zahlreiche Kanonen die Stadtmauer, als würde man noch immer mit einem baldigen Angriff rechnen. Wie viele Orte in Marokko scheinbar auch ein Schauplatz für Game of Thrones.

Ein Besuch im Hippe-Dorf Diabat später, das aber außer ein paar bekifften Hippies, einer überzogenen Jimmie Hendrix Legende und jeder Menge Sand nichts weiter hervorbringt, rundet ein Besuch in einer Strandbar mit cooler Livemusik und DJ meinen Besuch ab.

Während ich an meinem letzten Tag den Blogartikel fertig schreibe, sitze ich in einem kleinen Einheimischen-Cafe namens „Unique Vibes“. Ich lausche einem Hippie (aus vermutlich eben diesem Diabat), der auf der Gitarre alle bekannten Songs hoch- und runterspielt. Unterbrochen wird die Musik hin und wieder von marrokanischen „Boybands“, die sich wie in einem mexikanischen Restaurant vor den Tisch stellen und für ein paar Dirhams einen Song spielen, ehe sie weiterziehen.

Mein Bus kommt in einer Stunde. Dieses Mal bin ich sicher, dass ich den Startpunkt hinreichend recherchiert habe. Es gibt nur einen. Nach diesem Wochenende außerhalb Marrakeschs bin ich froh es gemacht zu haben. Eine Erkenntnis aber bleibt:

Ich werde irgendwie noch nicht richtig warm mit Marokko.

Ich bin weiterhin zuversichtlich, habe ich doch schließlich noch reichlich Zeit, das Land weiter zu erkunden…